Von dem Wunsch nach Freiheit und der Flucht aus Einsamkeit – Tag 3 des iranischen Filmfestivals

Es ist der 28. Mai 2016 und heute bestreite ich meinen zweiten Tag auf dem iranischen Filmfestival in Köln. Offiziell bricht der dritte Tag der Veranstaltung an und somit der vorletzte. Im Vorhinein habe ich mich für zwei der vier Filme entschieden, die gezeigt werden. Starless Dreams, ein dokumentarischer Film von Mehrdad Oskouei und A Risk of Acid Rain, ein fiktionales Werk von Behtash Sanaeiha.

Allgemein ist die Atmosphäre innerhalb der Räumlichkeiten heute sehr entspannt. Eine gewisse Routine hat sich entwickelt. Die Abläufe verlaufen reibungslos und sowohl Besucher als auch Mitarbeiter sehen dem Tag zufrieden entgegen. Schon vor dem Filmforum bekomme ich das Gespräch einer kleinen Gruppe von Menschen mit, die sich angeregt über das Festival unterhalten. Es scheint so, als besuchen sie die Veranstaltung heute zum ersten Mal.

Starless Dreams – Schmerzliche Einblicke in eine iranische Mädchenanstalt

Starless Dreams ist ein traurig-schöner Dokumentarfilm des bewährten Filmemachers Mehrdad Oskouei. Er zeigt das Schicksal junger Mädchen in einer iranischen Anstalt.

Trailer Starless Dreams:

Das Werk erzählt keine große, in sich geschlossene und fiktionale Geschichte, sondern behandelt während seiner 76 Minuten Laufzeit die Einzelschicksale einiger minderjähriger Mädchen. Diese stehen jedoch beispielhaft für wahrscheinlich viele, viele ähnliche Fälle.

Der Interviewer – Mehrdad – zeigt sich ambitioniert, als neutraler Beobachter dauerhaft im Hintergrund zu bleiben. Als er es mit der Zeit jedoch nicht mehr schafft, sein Mitgefühl für die Insassinnen zu verbergen, spiegelt dies nur eine Entwicklung wider, die auch der Zuschauer macht. Über die Filmlaufzeit hinweg packt einen das Geschehen mehr und mehr. Ist die Stimmung im Vorführungssaal zu Beginn noch entspannt und ausgelassen, so wird es mit der Zeit immer ruhiger.

Zu dem Stichwort „Ruhe“ will ich dabei noch ein paar Worte verlieren. Im Kontrast zu den tristen, entsättigten Bildern, die den eintönigen Alltag im Gefängnis widerspiegeln, sind insbesondere die Tonaufnahmen hervorzuheben: diese sind wirklich großartig gelungen. Der Film verzichtet – genauso wie die meisten weiteren Filme, die ich im Rahmen des Festivals sichten durfte – beinahe komplett auf Filmmusik. Die rar gesäten Szenen, welche mit dumpfen Klängen unterlegt sind, fühlen sich dadurch umso eindringlicher an. Ansonsten dient eine intensive Geräuschkulisse als Musikersatz. Ist der Kinosaal für ein paar Minuten gefüllt mit dem fröhlichen Durcheinanderschreien der Mädchen, so hört man im nächsten Moment wortwörtlich den Schnee zu Boden fallen.

Alles in allem ist mit Starless Dreams ein sehr dicht erzählter Dokumentarfilm entstanden, der zwei Seiten zeigt: die individuellen Fehler der straftätigen Mädchen, aber auch die Problematik einer Gesellschaft, die manchen kriminellen Jugendlichen vielleicht gar keine andere Wahl lässt, anders zu handeln.

Nach der Vorführung steht der Dokumentarfilmer Mehrdad Oskouei krankheitsbedingt leider nicht für ein Q&A („Questions and Answers“) bereit.

Um Punkt 17:43 geht es somit wieder in das Foyer. Es ist Halbzeit. Die Besucher tummeln sich im Aufenthaltsraum: Einige an der Getränketheke, andere stimmen einem Interview mit meinen Kommilitoninnen zu, die mit der Kamera Stimmungsbilder des Festivals einfangen wollen Die Mehrheit nutzt die Stunde bis zur nächsten Vorstellung jedoch als Verschnaufpause. Ich selbst schieße ein paar Fotos, notiere mir schon mal ein paar Gedanken zu Starless Dreams und gehe dann eine Kleinigkeit essen. Um ca. 18:30 beginnt schließlich der Einlass für den nächsten und für mich an diesem Tag letzten Film.

A Risk of Acid Rain – Die routinierte Einsamkeit eines älteren Herrn:

Ein rüstiger, 60-jähriger Pensionär namens Manouchehr entschließt sich, aus seinem auf Routinen und Ereignislosigkeit basierenden Alltag zu fliehen. Er macht sich auf die Suche nach seinem alten Freund Khosro.

Während er einige Nächte in einem Hotel verbringt, lernt er den Rezeptionist Kaveh und eine weitere Besucherin namens Mahsa kennen. Er freundet sich mit den jungen Leuten an und findet in dieser Gesellschaft  allmählichzurück zu seiner Lebenslust.

Trailer A Risk of Acid Rain:

A Risc of Acid Rain ist ein gefühlvoll gefilmtes fiktionales Werk. Bezüglich Story und Inszenierung kommt es dem filmischen Typus, den ich durch das europäische und amerikanische Kino gewöhnt bin, sehr nah. Dennoch behält der Film einen typisch iranischen Charakter.

Die Handlung auf der Leinwand beginnt so trocken wie das Leben seines Protagonisten und blüht später konsequenterweise parallel zu Manouchehrs Erlebnissen auf. So verbreitet der Film zu Beginn eine triste und ereignislose Stimmung, um später Freude und Lebenslust auszustrahlen: verzieht der stille Pensionär anfänglich keine Miene, so beschenkt er uns während fröhlicheren Szenen schließlich doch mit einem Lächeln.

Es wird deutlich, dass Manouchehr vor allem in den Momenten glücklich ist, in denen er sich nicht an seiner Vergangenheit und seinem alten Freund Khosro festklammert. Eben der Umgang mit den jungen Menschen, die er auf seiner Reise kennenlernt, lassen auch ihn jung und dynamisch erscheinen.

Sobald der Film endet und Regisseur Behtash Sanaeiha sowie die weibliche Hauptdarstellerin Maryam Moghaddam die Bühne betreten, ist der Applaus erwartungsgemäß groß. Aus eigener Perspektive möchte ich hierzu erwähnen, dass es tatsächlich einen großartigen Moment darstellt, wenn eine Hauptdarstellerin, deren Schauspiel man in den letzten 105 Minuten verfolgt hat, schließlich live Rede und Antwort steht. Darüber hinaus ist hervorzuheben, dass es speziell Regisseur Sanaeiha schafft, in dem Gespräch tiefe Einblicke zu gewähren. Es sei noch erwähnt, dass es sich bei dem Film um sein Debüt handelt.

Schließlich stelle ich selbst eine Frage bezüglich des titelgebenden Gewitters, doch da im Foyer schon die Gäste für den nächsten Film warten, wird es Zeit das Q&A zu beenden.

Für mich endet meine Zeit bei dem Iranischen Filmfestival an dieser Stelle. Allgemein kann ich sagen, dass es mir wirklich sehr gut gefallen hat. Speziell möchte ich die Filmemacher loben, die es trotz des für einen Dreh sehr schwierigen Umfeldes geschafft haben, so tolle Filme zu produzieren. Es ist definitiv empfehlenswert, sich zumindest einen Film im Programm des Festivals auszusuchen, um diesen zu besuchen. Und falls es 2016 nicht geklappt hat, warum nicht nächstes Jahr, im Rahmen des 4. Iranischen Filmfestivals in Köln?

 

Philipp Ullmann

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminares zum Iranischen Filmfestival an der Universität zu Köln.