Zwei Filme erwecken große Emotionen – Tag 2 des iranischen Filmfestivals

27. Mai 2016: Heute beginnt der zweite Tag des dritten iranischen Filmfestivals. Für mich ist es der erste Besuch dieses Festivals überhaupt. Schon auf der Fahrt zum Filmforum NRW (dem Etablissement, in welchem das diesjährige Film Festival stattfindet), mache ich mir Gedanken über die beiden Filme, für die ich mich an diesem Tag entschieden habe: Valderama und For A Rainy Day.

Im Foyer selbst angekommen, werde ich von ein paar Damen zunächst sehr freundlich begrüßt, bevor diese rasch einen Meter zur Seite springen, als ich ein Foto des Aufenthaltsraums schieße. Dieser füllt sich bis zu Beginn des ersten Films rasch.

Valderama – Ein Film über Hoffnung

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Ein junger, 15-jähriger Mann entschließt sich, vor seinem grausamen Leben in der südiranischen Stadt Abadan zu fliehen. Ein Leben, welches sich durch Schulden, Kinderarbeit und Erbarmungslosigkeit auszeichnet. Den Waisenjungen, der dem Fußballstar Valderama verblüffend ähnelt, verschlägt es in die iranische Hauptstadt Teheran. Dort wird vor allem eins immer klar: Solange der Junge keine Ausweispapiere besitzt, kann er auf Dauer nicht überleben.

Valderama ist ein moderner Film, der eine komplexe Thematik behandelt. Es geht um Kinder und Jugendliche die ohne Ausweis im Iran arbeiten müssen und es geht um Freiheit. Freiheit und Hoffnung.

Regisseur Abbas Amini gelingt es, die Zuschauer im Vorführungssaal mit Szenen, die  teilweise  minutenlang in einer Einstellung ohne Schnitt gedreht sind,  in das Werk hineinzuziehen. So, dass man für einige Momente vergisst, dass man sich nicht auf den Straßen Teherans befindet, sondern auf dem iranischen Film Festival in Köln.

Die Stimmung bleibt variabel, Protagonist Atiq durchlebt Höhen und Tiefen.  der 15-Jährige erträgt die Bürden seines Lebens fast ausnahmelos sachlich und nüchtern. Sein Schicksal nimmt er dennoch selbst in die Hand und strahlt Stärke in einer Lebenssituation aus, aus der es von außen betrachtet keinen Ausweg gibt.

Das iranische Werk brilliert darüber hinaus mit einer starken Inszenierung. So wird die laute und fremde Großstadt Teheran mit ruhigen, fokussierten Szenen, die dem Zuschauer die meist ebenso fremden und undurchsichtigen Charaktere näher bringen, kontrastiert.

Ein ähnliches Resümee zieht Produzent Majid Barzegar, der nach dem Film mit großem Applaus empfangen wird. Er steht dem Publikum im Rahmen eines „Questions and Answers“ (kurz „Q&A“) Rede und Antwort. Insbesondere einen Satz, welcher Valderama unglaublich gut beschreibt, möchte ich hier im Wortlaut zitieren und hervorheben: „Es ist ein hoffnungsvoller Film, trotz der düsteren Stimmung“.

Die Wartezeit bis zum zweiten Film vergeht rasch, beinahe nahtlos reihen sich die Filmvorstellungen aneinander. Im Foyer herrscht mittlerweile ausgelassene Stimmung. Es ist sehr voll geworden, der Film For A Rainy Day scheint viele Interessenten anzuziehen. Kein Wunder, stehen die talentierte Regisseurin und Kamerafrau Faezeh Azizkhani und ihre Mutter und Hauptdarstellerin Shirin Agharezakashi nach dem Film für ein Q&A bereit.

Einige Teilnehmer des Festivals entscheiden sich noch für ein Getränk, bevor sie schließlich den Kinosaal betreten.

For A Rainy Day – Ein Film über die ernsten Dinge des Lebens

In Bezug auf diesen Film kann ich schon jetzt vorwegnehmen, dass er mich nach 90 Minuten nachdenklich in meinem Sitz zurücklässt. Speziell den Menschen, die mit der iranischen Kultur vertraut sind, aber auch jenen, die sich für das filmische Medium an sich interessieren, möchte ich ans Herz legen, sich das Werk einmal selbst anzuschauen, falls sich irgendwo einmal die Gelegenheit bietet.

For A Rainy Day handelt von einer Mutter, die im Traum ihren Tod vorhersieht. Ihre Tochter beginnt währenddessen, ihren ersten eigenen Film zu drehen. Motiviert begleitet sie den Alltag ihrer Familie und vor allem die Geschichte ihrer Mutter.

Das filmische Werk präsentiert sich sehr kurzweilig und amüsant. Zugegebenermaßen verstehe ich während der Vorstellung nicht jeden Witz. Mit der iranischen Kultur gut vertraute Zuschauer füllen den Kinosaal jedoch in häufiger Regelmäßigkeit mit ausgelassenem Gelächter.

Gedreht im semidokumentarischen oder „Mockumentary“ (die Aufnahmen erschienen wie  von der Tochter selbst gemacht und kommentiert), erscheinen die Bilder sehr real. Sie wirken teilweise amateurhaft, teilweise stilvoll. Die Inszenierung zeigt sich jedoch immer passend und stimmig.

Trailer: „For a Rainy Day“:

Im Verlaufe des Films werden einige der ernsten Themen des Lebens behandelt: Probleme im Alltag, Familien- und Beziehungsprobleme, das Alter und der Tod. Hauptdarstellerin Shirin Agharezakashi nimmt kein Blatt vor den Mund, kennt wenig Tabus. Dabei findet die Mutter jedoch eine solch humorvolle und spielerische Herangehensweise an diese ernsthaften Thematiken, dass sich auch im Kinosaal eine allgemein sehr lockere und fröhliche Stimmung unter den Zuschauern ausbreitet.

Es ist eine große Leistung, wie Regisseurin Faezeh Azizkhani schließlich den Umschwung zu einer realen Ernsthaftigkeit schafft. So friedvoll und freundlich die Charaktere uns beibringen, optimistisch zu denken, so klar verdeutlichen einige Handlungstwists, dass manche Dinge eben doch nicht schönzureden sind.

Als der Film endet und Regisseurin und Hauptdarstellerin die Bühne betreten, ist der Applaus für einen Moment zögerlich und dann massiv. Eine Menge Fragen werden gestellt und aus zeitlich-organisatorischen Gründen müssen einige auf ein persönliches Gespräch im Foyer verlegt werden. In einem Aspekt war sich jedoch alle einig, diesich zu Wort meldeten: Dieser Film war etwas völlig Neues und Großartiges.

Obwohl ich das Festival nach For A Rainy Day um ca. 21:20 Uhr verlasse, mache ich mir am Abend noch einige Gedanken über beide Filme. Für mich war es ein toller Tag und morgen, am 28. Mai, werde ich wieder im Filmforum auftauchen, um später an dieser Stelle erneut zu berichten.

 

Philipp Ullmann

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Seminares zum Iranischen Film Festival an der Universität zu Köln.